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Dieses Haus...

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...wurde für eine junge Frau gebaut, es gehört ihr und ihrer Muttersippe; das Land darum herum auch. Später werden es ihre Töchter erben.

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 Foto C.Rentmeister

In ihrem Leben wird sie sich vielleicht mehrfach scheiden lassen und wieder heiraten - oder sie könnte auch ohne Not ledig leben.

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Das Volk der Minangkabau

3 Mio in West-Sumatra, Indonesien.
Trotz Islam halten sie am Matriarchat fest; dieses hat u.a. zur Folge:

  • höchsten Bildungsstand für Frauen und Männer in Indonesien,
  • beste reproduktive Gesundheit:
  • geringste Kindersterblichkeit und
  • niedrigste Geburtenrate (im übrigen Indonesien mehr als doppelt so hoch)
  • Viele Frauen sind selbständige Unternehmerinnen
  • Häuser und Land gehören den Frauensippen
  • Kinder heissen nach der Mutter

»Frauen werden so gut wie nicht geschlagen. Es weiss sonst gleich der ganze Clan. Da wird automatisch und auf der Stelle geschieden,« sagt der Ethnologe und Priester Moussay.

Interview in: Cillie Rentmeister, Frauenwelten - Männerwelten, Opladen 1985

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Liebesleben

Minangkabau-Männer kommen traditionell zu ihren Frauen nur zu Besuch; sie leben weiter in ihrer Muttersippe. So wird das Liebesleben nicht mit lebenslangen Verpflichtungen belastet:

Die Ehefrau lässt sich nicht vom Mann versorgen, sie bleibt wirtschaftlich unabhängig.
Ist eine Beziehung unglücklich, wird sang- und klanglos geschieden.

 Foto: C.Rentmeister

Hochzeit feiern Frauen zuerst unter sich, der Bräutigam kommt später.

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Scheidung

Es gibt keine wirtschaftliche Not oder Einsamkeit durch die Scheidung. Unterhaltszahlungen sind unnötig.
Jede Person gehört weiterhin zu ihrer Familie, an deren Besitz sie teilhat.
Auch die Kinder leiden nicht bei einer Scheidung: die Familie, zu der sie gehören, ist unzerstörbar. Für die soziale "Vaterrolle" zuständig sind nicht die Liebespartner der Mutter, sondern der Bruder der Mutter.

 "Sippenhaus" Foto: C.Rentmeister

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Zu wem die Kinder gehören

Alle Kinder, ob Söhne oder Töchter heissen nach der Mutter. All jene, die von einer Mutter abstammen, leben in einer Grossfamilie zusammen. Um das Wohlergehen der Kinder kümmert sich der Bruder der Mutter, nicht die leibliche Väter, zumal das verschiedene Männer sein können.

Die soziale Vaterrolle...

 Foto: C.Rentmeister

...übernimmt der Bruder der Mutter:
»Der Onkel wacht über das Wohlergehen seiner verheirateten Nichten.
Benimmt sich ein Ehemann schlecht, wird ihm vorgehalten:
"Mein Clan ist ein guter Clan....achte gefälligst auf unseren Ruf!"
Oder er wird ohne viel Aufhebens vor die Tür gesetzt. Frauen müssen nach unserer Sitte geehrt werden.«
sagt Schuldirektor Azhar.

Interview in Cillie Rentmeister, Frauenwelten - Männerwelten, Opladen 1985

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Wer das Sagen hat

Im Sippenhaushalt diskutieren Männer und Frauen getrennt, und dann wird im Familienrat so lange debattiert, bis Einstimmigkeit erzielt worden ist. Sollte das nicht möglich sein, entscheidet das Wort der ältesten Frau.


"Sippenälteste" Foto: C.Rentmeister

»Bei den Minangkabau scheint es weder die Unterdrückung des einen Geschlechts durch das andere zu geben, noch tyrannisiert eine Mehrheit die Minderheit.« Gordian Troeller 1985 Dokumentarfilm, Radio Bremen

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Erziehung zum Mann

Kleinen Jungen erzählt man die Sage, wie Königin Bundo Kandung ihren kleinen Sohn lehrte, die Vernunft zu gebrauchen, um die "Impulse" zu steuern.
Erzogen wird ohne Strafen und ohne Unterwerfungsrituale.
Ab der Pubertät leben die Jungen traditionell im Männerhaus, heute oft die Moschee. Dort lernen sie die Regeln des Zusammenlebens, u.a. die Kunst des Verhandelns.
Nachts obliegt ihnen die Bewachung des Dorfes.

 "Männerhaus" Foto: C.Rentmeister

Vom jungen Mann wird erwartet, dass er in die Fremde geht und sich dort erstmal bewährt (ca. 3 Mio Minangkbau arbeiten in der Fremde).

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Titel und Orden - die Wertschätzung der Männer

Männer vertreten die Sippe nach aussen als deren "Stimme".
Die Wertschätzung des Mannes wird auch mit einer Vielzahl von Titeln gezeigt:
Vom kleinen Jungen bis zum alten Mann gibt es Rangabstufungen mit Ehrenabzeichen -Turban, goldenen Gürtel, Dolch, Stock.

Führungsqualitäten

Um beispielsweise zum Familiensprecher gewählt zu werden, muss ein Mann

  • duldsam
  • tolerant
  • kompromissfähig
  • würdevoll + freundlich sein

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Recht

  • Entschädigung statt Strafen
  • Versöhnungsgaben, möglichst auch bei Schwerverbrechen

Im Strassenverkehr muss bei Unfällen - unabhängig vom Verschulden - der Stärkere den Schwächeren entschädigen:

  • der Autofahrer den Radfahrer
  • der Radfahrer das Kind usw.

Matriarchat - Patriarchat?

Diese Worte werden bei uns gerne als politische Kampfbegriffe verwendet, oft um zu provozieren.
Die hier zitierten Männer in Indonesien und Indien sprechen dagegen ganz sachlich und selbstverständlich vom "Matriarchat", wenn sie über ihre Kultur sprechen; sie sehen sich auch nicht von ihren Frauen unterdrückt.

Dieses Kapitel zeigt wie in anderen Kulturen, Gewalt in der Ehe mit sozialen Strukturen eingedämmt wird:

  • andere Formen des Zusammenlebens bieten mehr Sicherheit für Frauen und Kinder, und
  • weniger Stress für die Männer
  • bei gleichzeitig mehr sexueller Freizügigkeit für Männer und Frauen

Unsere Formen des Zusammenlebens sind durchaus verbesserungsfähig.
Dieser Blick auf andere Kulturen zeigt, dass es auch andere Lösungen gibt und kann unsere soziale Kreativität anregen.

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Quellen

Das Kapitel über die Minangkabau beruht auf folgenden Publikationen:

  • Gordian Troeller 1985 Dokumentarfilm, Radio Bremen
  • Cillie Rentmeister, Frauenwelten - Männerwelten, Opladen 1985
  • Cillie Rentmeister, Frauenwelten - fern, vergangen, fremd?, Frankfurt/M 1988

Copyright der Fotos:

  • Cillie Rentmeister

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