Risiko abschätzen

Neben der Klärung eines aktuellen Tatvorwurfs sollte die Gefahr, in der sich die Betroffene mit dem Täter befindet, abgeschätzt werden. In der Regel steigert sich häusliche Gewalt von Mal zu Mal und die Abstände zwischen den Vorfällen verkürzen sich.

Liste zur Risikoabschätzung

Die Liste von DAIP zur Risikoabschätzung zählt typische Handlungen auf, an Hand derer sich ein Bild von der Gefährlichkeit der Täters zeichnen lässt. Diese Liste vergibt allerdings keine Punkte und nennt keine messbaren „Gefahrenstufen“.
Vielmehr ist sie ein Instrument, das hilft, bei einer Vernehmung den Hintergrund systematisch abzufragen. Dabei kommen oft Tatbestände zur Sprache, die bei einer auf den Einzelfall beschränkten Vernehmung verdeckt blieben.
Häusliche Gewalt ist per se nie ein Einzelereignis, sondern immer eine Entwicklung - hin zur Vernichtung des Opfers. Der aktuelle Fall ist also nur ein Punkt auf einer Spirale! Indem man nach DAIP-Liste abfragt und nach der zeitlichen Verteilung der Übergriffe (in der Regel werden die Abstände kürzer) ergibt sich erst das vollständige Bild der Situation.

Hat man als Polizist, als Sozialarbeiterin oder Arzt und Krankenschwester regelmäßig mit Fällen häuslicher Gewalt zu tun, lohnt es, konsequent bei jedem Fall die DAIP Liste beantworten zu lassen, um im weiteren Verlauf des Falles daraus Rückschlüsse zu ziehen. Logisch, dass der Austausch mit KollegInnen diesen Lernprozess schneller voranbringt.

Jacquelyn C. Campbell entwickelte ein ähnliches Instrument zur Gefahrenabschätzung (danger assessment tool). Hier werden die Einträge gewertet, und basierend auf einer 25-jährigen Erfahrung daraus mit einer konkreten Gefahreneinschätzung beantwortet. Allerdings sollte man zuvor ein kostenpflichtiges Training absolvieren und später seine Erfahrungen in das Projekt mit einbringen – ein interessanter Ansatz!

Das Abfragen dieser Liste vergegenwärtigt dem Opfer noch einmal sehr stark, in welcher Gefahr es lebt. Deshalb sollte dies nie geschehen ohne dass gleichzeitig mit dem Opfer der Sicherheitsplan und die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes durchgesprochen und gemeinsam ein auf diese Person zugeschnittener Plan entwickelt wird.