Warum jede befragen?

... warum nicht nur jene, bei denen Verletzungen offensichtlich sind?

  • Psychische Misshandlung hinterlässt keine blutenden Wunden.
  • Gewalt gegen Frauen ist alltäglich, also sollte auch die Frage danach so alltäglich sein, wie eine Routinefrage nach Allergien, früheren Erkrankungen o.ä. Außerdem nimmt eine routinemäßige Frage der Situation die Peinlichkeit.
  • Nur wenn Gewalt als Ursache von gesundheitlichen Problemen erkannt wird, kann die richtige Hilfe und Information angeboten werden. Stattdessen werden geschlagene Frauen häufiger in psychiatrische Behandlung geschickt, als an Beratungsstellen vermittelt.

Auf der Suche nach Hilfe gehen Opfer häuslicher Gewalt vorzugsweise zum Arzt, oft aber mit Beschwerden, die nicht unmittelbar auf Gewalt schließen lassen.

Wenn Sie routinemäßig jede Patientin nach Gewalterfahrung fragen, erleichtert dies den Umgang mit dem Thema und in vielen Fällen auch die Diagnose selbst.
Unzählige Krankheiten werden sonst in Unkenntnis der wahren Ursache behandelt.

Übrigens: Knapp 80% der Frauen befürworten diese Routinebefragung. Das ergab eine Patientinnenbefragung an der Berliner Charité im Jahr 2002.

Hellbernd, Brzank, Wieners, Maschewsky-Schneider: Häusliche Gewalt gegen Frauen: Gesundheitliche Versorgung, Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm, S. 120 f, BMFSFJ